Kritik an Medienzensur der UP

Am 27. Dezember legen die Christdemokraten Verfassungsbeschwerde gegen Innenminister José Tohá ein. Der Grund: Tohá sei verantwortlich für die Einschränkung der Pressefreiheit und die Schließung von elf oppositionellen Radiosendern, während die Regierung auf allen Kanälen Politik mache.

Währenddessen in der Welt…

Großbritannien gibt am 29. Dezember seine Militärbasis in Malta auf. Einen Tag später kommt es zu einer Zäsur australischer Esskultur: in Sydney wird die erste McDonalds-Filiale des Land eröffnet.

Persönliche Freunde sollen legalisiert werden

Am 22. Dezember schlägt die Regierung ein neues Gesetz vor, um die persönliche Leibgarde des Präsidenten, die Grupo de Amigos Personales (GAP) zu legalisieren. Der Präsident begründet den Vorschlag damit, sich effektiv vor Anschlägen schützen zu müssen. Im Jahr 1971 wurden mindestens zwei Attentate vereitelt. Das Gesetz sieht vor, dass die Leibgarde ausschließlich aus Zivilisten bestehen soll, die jedoch das Recht haben Schusswaffen zu gebrauchen.

Währenddessen in der Welt…

Am 20. Dezember wird die unabhängige Organisation für medizinische Nothilfe Médecins Sans Frontières gegründet. Ziel der von Ärzt*innen und Journalist*innen gegründeten NGO ist es bis heute, den Zugang zur medizinischen Versorgung über Ländergrenzen hinweg und unabhängig von Rasse, Religion, Glauben oder politischer Zugehörigkeit zu gewährleisten.

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Beinahe ein neues Bündnis

Am 13. Dezember schlagen Regionalgruppen der Unidad Popular und die Bewegung der revolutionären Linken (MIR) im „Abkommen von Linares“ eine gemeinsame Linie für Enteignungen im Agrarsektor vor. Die Idee: die sofortige Auflösung allen privaten Großgrundbesitzes und die entschädigungslose Kollektivierung aller Agrarflächen ab einer Größe von 40 Hektar. Die Kommunistische Partei erklärt den Vorschlag als nichtig. Am 18. Dezember fordern Taxi- und Kleinbusunternehmen die Regierung auf, sich nicht in ihre Geschäfte einzumischen und statt dessen den Import von Ersatzteilen sicherzustellen – 25% ihres Fuhrparks liegt still.

Währenddessen in der Welt…

Die Kapitulation pakistanischer Truppen in Ost-Pakistan am 16. Dezember markiert den Beginn der Unabhängigkeit Bangladeschs und wird dort bis heute als Victory Day gefeiert.

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Medienschließung und neuer Kredit

Am 10. Dezember verfügt die Regierung die Schließung von Radio Balmaceda. Dem Sender der christdemokratischen Partei (DC) werden Verleumdung des Präsidenten und der Streitkräfte vorgeworfen. Bereits während der gewaltsamen Proteste in der ersten Dezemberwoche hat der Befehlshaber im Ausnahmezustand, General Augusto Pinochet, den Druck der rechten Tageszeitung La Tribuna einstellen lassen. Am 12. Dezember erhält Chile den lange erwarteten Kredit des Internationalen Währungsfonds über 9,5 Millionen US$.

Währenddessen in der Welt…

Am 7. Dezember kommt es zu schweren Kämpfen zwischen der pakistanischen Armee und dem bengalischen Kämpferverband der Mukti Bahini, dem Militärs und Zivilisten angehören. Die als Schlacht von Sylhet bekannt gewordene achttägigen Konfrontation ruft am 8. Dezember auch die 7. US-Flotte auf den Plan.

Demonstrationen und Straßenkämpfe

Am 1. und 2. Dezember setzen „die Frauen mit den leeren Kochtöpfen“ ihre Demonstrationen gegen die Mangelversorgung fort. Auffällig ist, dass die Proteste am heftigsten in den Viertel der Oberschicht sind und dass sie von Schlägertrupps begleitet werden – u.a. auch von der ultrarechten Organisation Patria y Libertad. Nach Zusammenstößen mit der Polizei errichten die Demonstrant*innen Barrikaden. Die Regierung erklärt den Ausnahmezustand und verhängt eine Ausgangssperre. Der Gewerkschaftsdachverband CUT spricht von einer rechten Verschwörung, die Kommunistische Partei (PC) kündigt an, 150.000 Parteigänger mobil zu machen und der frühere christdemokratische Minister Jaime Castillo Velasco warnt davor, die Unidad Popular „könnte das Land in die Diktatur führen“.

Währenddessen in der Welt…

Am 1. Dezember startet die maoistisch-nationalistische Guerillaorganisation Rote Khmer einen Großangriff auf Positionen der regierungstreuen Armee und zwingt diese in mehreren Städten zu einem Rückzug.

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Umkämpfte Universitäten und lärmende Kochtöpfe

Am 22. November werden bei gewaltsamen Zusammenstößen im Zentrum Santiagos vier Studierende schwer verletzt. Hintergrund ist die umkämpfte Umsetzung von Reformen an der Universidad de Chile. Der Vorschlag von Rektor Boeninger, ein Plebiszit über studentische Mitsprache und kollektive Verwaltung abzuhalten, löst seit Tagen immer wieder gewaltsame Auseinandersetzungen aus. Auch an Hochschulen in anderen Städten kommt es zu Konflikten. In Santiago besetzen zudem am 24. November studentische Anhänger der Bewegung der revolutionären Linken (MIR) für zehn Stunden das Rathaus im Stadtteil La Reina. Die Opposition organisiert am 26. November die erste Demonstration der „leeren Kochtöpfe“, auf der vor allem Frauen Lärm schlagen. Präsident Salvador Allende kritisiert in einer Rede die Präsenz paramilitärischer Gruppen auf den Umzügen.

Währenddessen in der Welt…

Am 28. November ermordet die palästinensische Terrorgruppe Schwarzer September den jordanischen Premierminister Wasfi Tell, der sich bei einer Tagung der Arabischen Liga in Kairo aufhält.

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Versorgungskommissionen und Streit um Kollektivierungskurs

Am 16. November kündigt Finanzminister Américo Zorrilla die Gründung von Versorgungskommissionen (Juntas de Abastecimientos y Precios, kurz JAP) an. Sie sollen künftig dabei helfen Preise zu kontrollieren und das Horten von Lebensmitteln verhindern. Am 19. November kündigt die Bewegung der revolutionären Linken (MIR) an, an ihren Besetzungen für eine „revolutionäre Agrarreform“ festzuhalten. Die Regierung kritisiert den Kurs und spricht sich zugleich gegen die vom MIR vorgeschlagene Gründung von Betrieben aus, die vollständig von Arbeitenden verwaltet würden.

Währenddessen in der Welt…

Intel bringt am 15. November den ersten Mikroprozessor der Welt auf den Markt. Der Intel 4004 hatte eine Leistung von 4 Bit – heutige Prozessoren rechnen etwa 350.000 mal schneller.

Inflation, Schulden und hoher Besuch von Fidel

Am 10. November informiert die Tageszeitung El Mercurio, dass sich die in Chile im Umlauf befindliche Geldmenge verdoppelt habe. Am gleichen Tag gibt die Regierung bekannt, internationale Schulden in Höhe von 3,8 Milliarden US$ mit elf Gläubigerländern neu zu verhandeln. Überstrahlt werden die Finanznachrichten jedoch vom Besuch des kubanischen Staatsoberhaupts, Fidel Castro, der für drei Wochen Chile bereisen würde. Zwei Tage später kommt auch der Vorsitzende der französischen Sozialisten, François Mitterrand für ein Treffen mit Allende nach Santiago.

Währenddessen in der Welt…

Die maoistisch-nationalistische Guerilla-Bewegung Roter Khmer greifen am 10. November die kambodschanische Hauptstadt Phnom Penh an. Bei den Angriffen sterben mehr als 40 Menschen – es ist der Beginn eines asymmetrischen Krieges, der 1975 mit dem Sieg der Roten Khmer enden würde.

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Allende zieht Bilanz nach erstem Regierungsjahr

Bei einer Großkundgebung im Nationalstadion am 4. November resümiert Präsident Salvador Allende die Erfolge seiner einjährigen Regierungszeit: fast 2,5 Millionen Hektar kollektiviertes Land, ein Rückgang der Arbeitslosigkeit von 8,3 auf 4,8 Prozent und eine stetige Umverteilung der Einkommen. Zugleich ruft Allende die Bewegung der revolutionären Linken (MIR) auf, illegale Besetzungen zu stoppen, die „kontrarevolutionär“ seien und die Unidad Popular in Misskredit bringen würden.

Währenddessen in der Welt…

Am 1. November eröffnet in London (UK) das weltweit erste Frauenhaus, in dem Menschen Schutz vor häuslicher Gewalt suchen können. Am 3. November erscheint das erste Nutzer*innen-Handbuch des Computer-Betriebssystem UNIX, der Grundlage der heutigen freien Software-Distribution GNU-LINUX.

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Chile soll kein zweites Kuba werden

Am 31. Oktober verteidigt Präsident Allende den chilenischen Weg „zum Sozialismus im Rahmen einer formalen Demokratie“ und weißt Anschuldigungen zurück, das kubanische Modell zu kopieren. Angewandt würden nur Maßnahmen „die kompatibel mit den Bedürfnissen und historischen Realitäten Chiles sind.“ Die reale Lage in Chile ist dagegen angespannt: der Agrarunternehmer und frühere Minister Benjamín Matte polemisiert gegen die Agrarreform, US-Bergbauunternehmen reichen Klage gegen Chile ein und Unbekannte zerstören bei einem Brandanschlag Tausende Tonnen Lebensmittel, die für den Einzelhandel in Valparaiso bestimmt waren.

Währenddessen in der Welt…

Am 25. Oktober wird die Volksrepublik China (VRC) in die Organisation der Vereinten Nationen (UNO) aufgenommen. Taiwan (auch bekannt als „Republik China”), Gründungsmitglied der UNO, wird am selben Tag ausgeschlossen, da die VRC bis heute auf den Status der alleinigen legalen Vertretung Chinas besteht.

Kirchlicher Seegen für Wirtschaftskurs der UP

Am 24. Oktober äußert sich der chilenische Kardinal Raúl Silva Henríquez positiv zur Wirtschaftspolitik der Regierung und bescheinigt, dass „der Prozess der Verstaatlichungen verfassungsrechtlich einwandfrei war“. Entsprechend den Grundsätzen der Vereinten Nationen habe jedes Land das Anrecht auf sein Bodenschätze. Die Haltung betroffener US-Unternehmen fällt indes gemischt aus: einige fordern hohe Entschädigungen und einen Wirtschaftsboykott, andere, wie Bethlehem Steel, Ralston Purina und Bank of America setzen auf gütliche Einigungen.

Währenddessen in der Welt…

Die Rote Armee Fraktion (RAF) erschießt am 22. Oktober in Hamburg (BRD) den Polizisten Norbert Schmid. Schmid hatte versucht das RAF-Mitglied Margrit Schiller zu verhaften und wurde dabei von einem Komplizen erschossen. Er war das erste Mordopfer der RAF.

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Entschädigungslose Verstaatlichungen im Bergbausektor

Am 11. Oktober gibt der Generalrechnungsprüfer bekannt, dass die US-amerikanischen Bergbauunternehmen Anaconda und Kennecott für die verstaatlichten Produktionsstätten keine Entschädigung erhalten werden. Der Grund: beide Firmen schulden dem chilenischen Staat Steuern und Abgaben in Millionenhöhe. Zwei Tage später kündigt der US-Staatssekretär William Rogers an, alle öffentlichen und privaten Kreditlinien für Chile zu blockieren.

Währenddessen in der Welt…

Am 14. Oktober gründet sich im kanadischen Vancouver offiziell die Umweltschutz-Organisation Greenpeace. Heute hat die NGO weltweit mehr als drei Millionen Mitglieder.

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Projekt Hamilton-Fuentealba – Beginn einer langen Debatte

Die christdemokratische Partei (DC) präsentiert im Kongress ein Gesetzesvorhaben, dass die Politik der Verstaatlichungen verfassungsrechtlich begrenzen will. Der als Projekt Hamilton-Fuentealba bekannt gewordene Vorstoß markiert einen Wendepunkt im Verhältnis der DC zum Regierungsbündnis der Unidad Popular. Das Vorhaben wird bis 1973 immer wieder für hitzige Debatten sorgen.

Währenddessen in der Welt…

John Lennon veröffentlicht am 8. Oktober die Single-Auskopplung des Songs Imagine. Die Fachzeitschrift Rolling Stone bezeichnet das Lied als Lennons „größtes musikalische Geschenk für die Welt“

Rede von Außenminister Almeyda vor UNO

Am 3. Oktober druckt die chilenische Presse die Rede von Außenminister Clodomir Almeyda nach, die dieser weniger Tage zuvor auf der 26. Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) gehalten hatte. Darin verteidigt Almeyda u.a. die Verstaatlichung natürlicher Ressourcen, solidarisiert sich mit der Bevölkerung Vietnams und kritisiert das internationale Währungssystem.

Währenddessen in der Welt…

Bei einem Zyklon im Golf von Bengalen sterben am 29. September mehr als 10.000 Menschen. Am 1. Oktober wird Walt Disney World im US-Bundesstaat Florida eröffnet.

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Verstaatlichte Telefone, freie Presse

Am 21. September kündigt die Regierung an die Compañía de Teléfonos de Chile, eine Tochtergesellschaft des US-Unternehmens ITT verstaatlichen zu wollen. Diese hatte bereits in der Vorwoche Unterstützung bei US-Präsident Richard M. Nixon gegen die drohende Enteignung gefordert. Am 25. September wird die Schließung der Presseagentur UPI aufgehoben.

Währenddessen in der Welt…

90 Diplomat*innen der UDSSR werden am 24. September aus Großbritannien ausgewiesen. Die britische Regierung wirft ihnen Spionage und die nicht bekanntgemachte Mitgliedschaft in geheimdienstlichen Organisationen vor.

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Entlassene Journalist*innen, geschlossene Presseagentur

Am 13. September äußerst sich Präsident Allende zu einem Arbeitskonflikt in der Tageszeitung El Mercurio. Entlassenen Journalist*innen empfiehlt er, für ihre Wiedereinstellung zu kämpfen. Zwei Tage später verfügt die Regierung die chilenische Vertretung der US-Nachrichtenagentur United Press International (UPI) wegen „Diffamierung“ zu schließen. Dafür erntet Allende viel Kritik, vor allem vom Interamerikanischen Presseverband (SIP).

Währenddessen in der Welt…

Quatar, Bhutan und Bahrain werden am 21. September als neue Mitgliedsstaaten in die Organisation der Vereinten Nationen (UNO) aufgenommen. Ihnen folgt wenige Tage später das Sultanat Oman.

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Angst vor Aufruhr und Staatsstreich

Am 7. September warnt die Kommunistische Partei Chiles (PC) vor konspirativen Gruppen, die einen Staatsstreich nach dem Modell des Putsches in Bolivien vorbereiten sollen. Drei Tage später präsentiert Innenminister José Tohá vor Gericht Beweise für „aufrührerische Tätigkeiten“ seitens der oppositionellen Nationalen Partei (PN). Die CIA unterstützt derweil die regierungskritische Tageszeitung El Mercurio mit 700.000 US$.

Währenddessen in der Welt…

Der chinesische Premierminister Zhou Enlai sendet Grüße an Präsident Allende und empfiehlt der Welt: „jedes Regierung sollte ihre eigenen Streitkräfte haben, demokratische oder proletarische, die ihren Machterhalt sichern.

Gemeinsamer Appell gegen Interventionen im Andenraum

Am 30. April setzt Präsident Salvador Allende seine Reise nach Kolumbien fort, wo er gemeinsam mit seinem Amtskollegen Misael Pastrana eine regionale Strategie zur Nutzung der Meere und atomarer Energie sowie mehr wissenschaftliche Kooperation fordert. In Bogota, ebenso wie beim nächsten Treffen mit dem peruanischen Präsidenten Juan Velasco Alvarado am 2. September, verurteilen die Staatsoberhäupter interventionistische Aktionen der USA und sprechen sich für „politischen Pluralismus” aus.

Währenddessen in der Welt…

Das in Westberlin zwischen Frankreich, Großbritannien, UDSSR und USA am 3. September unterzeichnete Viermächteabkommen, soll den Rechtsstatus der geteilten Stadt klären und zu einer weiteren Entspannung des weltweiten Ost-West-Konflikts beitragen.

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Südamerika Reise Allendes beginnt in Ecuador.

Am 24. August bricht Präsident Allende zu einer Südamerikareise auf, um Ängste vor dem „roten Chile“ abzubauen und für mehr regionale Zusammenarbeit im Andenraum zu werden. Zuerst geht es nach Ecuador, wo er In einer gemeinsamen Erklärung mit dem Präsidenten José María Velasco Ibarra offen die Blockadehaltung der USA kritisiert.

Währenddessen in der Welt…

Am 25. August kommt es an der Grenze zwischen Uganda und Tansania zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Armeen beider Länder. Schwelende Landkonflikte und der von Tansania aus organisierte Widerstand gegen den ugandischen Diktator Idi Amin gipfeln sieben Jahre später im Uganda-Tansania-Krieg.

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Stillstand im Bergbau, Mobilisierung auf der Straße

Am 16. August versuchen 16 Vorarbeiter die Stromversorgung des Bergwerks und Wohnquartiere in Chuquicamata, lahmzulegen. Sie werden der Sabotage angeklagt. Präsident Salvador Allende mahnt zur Wiederaufnahme der Produktion. Die Opposition versucht derweil eine Versorgungskrise auszulösen und organisiert am 21. August einen Händlerstreik, begleitet von einer Demonstration. Vor allem Hausfrauen werden aufgerufen, sich zu beteiligen.

Währenddessen in der Welt…

Putschende Militärs lösen in Bolivien am 19. August heftige Kämpfe aus. Bergleute und Studierende schließen sich den regierungstreuen Truppen an, um Präsident Juan José Torres zu verteidigen. Am 22. August schlagen die Putschisten um Hugo Banzer den Widerstand nieder. Es ist der Beginn einer sieben-jährigen Diktatur.

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Beginn der „unsichtbaren Blockade“

Am 12. August verwehrt die Export-Import Bank aus Washington eine Kreditanfrage aus Chile über 21 Millionen US$. Die US-Regierung verlangt zuerst eine vollständige Entschädigung aller Unternehmen des Landes, die in Chile von Enteignungen betroffen sind. Der chilenische Botschafter in den USA, Orlando Letelier, kritisiert diese „unsichtbare Blockade“ als Einmischung in interne Angelegenheiten. Derweil versucht die chilenische Regierung Streiks und Sabotageakte von Minenvorstehern unter Kontrolle zu bekommen, die dem Staat millionenschwere Einnahmeausfälle verursachen.

Währenddessen in der Welt…

US-Präsident Richard M. Nixon kündigt am 15. August den „Goldstandard“ auf und friert für drei Monate alle inländischen Preisänderungen ein. Die Maßnahme markiert das Ende internationaler fester Wechselkurs, die nach dem 2. Weltkrieg im sogenannten Bretton-Woods-Abkommens vereinbart wurden.

Parteiaustritte auch im Regierungsbündnis

Am 3. August verlassen fünf Abgeordnete und zwei Senatoren die Radikale Partei (PR), weil sie sich vom marxistischen Kurs der Unidad Popular nicht repräsentiert fühlen. Sie gründen die Partei der Radikalen Linken (PIR), die zunächst weiterhin die UP unterstützt. Aus der Regierungspartei MAPU treten am 6. August ebenfalls vier Abgeordnete aus, die mehr christliche Inspiration und weniger Materialismus für nötig halten. Die Christliche Linke (IC) ruft derweil zum Aufbau des Sozialismus auf.

Währenddessen in der Welt…

Am 5. August gründet sieben Staaten das Pazifische Inselforum (Pacific Island Forum), um die Zusammenarbeit in der Region zu verbessern. Unbeeindruckt von der neuen politischen Partnerschaft, führt Frankreich auf dem südpazifischen Mururoa-Atoll drei Tage später einen Kernwaffentest durch.

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Revolutionäre Kritik und Parteiaustritte

Während einer Gedenkfeier für die Kubanische Revolution, fordert Miguel Enriquéz von der Bewegung der revolutionären Linken (MIR) die bürgerlichen Institutionen Chiles zu zerschlagen, die ein „Hindernis für die Revolution“ seien. Die Sozialistische Partei ätzt derweil gegen die Kupferpolitik der christdemokratischen Vorregierung. Und diese hat mit Parteiaustritten zu kämpfen: sechs ihrer Abgeordneten gründen die Partei Izquierda Cristiana (IC), also Christliche Linke, die sich dem Regierungsbündnis der Unidad Popular anschließt.

Währenddessen in der Welt…

Die venezolanische Regierung verabschiedet am 31. Juli ein „Kohlenwasserstoff-Rückführungsgesetz“. Das Gesetz schreibt vor, dass alle „ungenutzten Konzessionsgebiete“ zur Ölförderung bis 1974 schrittweise in staatliches Eigentum übergehen sollen.

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Chilenische Demokratie trifft auf argentinische Diktatur

Am 23. Juli trifft der chilenische Präsident Salvador Allende zum Staatsbesuch in Argentinien ein. In der Staat Salta unterzeichnen Allende und der de facto Präsident der militärisch-zivilen Diktatur Alejandro Agustín Lanusse ein Abkommen zur Beilegung eines fast hundertjährigen Grenzstreits rund um den Beagle-Kanal. Zugleich vereinbaren der Putschist Lanusse und der Demokrat Allende eine pragmatische Zusammenarbeit für mehr regionale Kooperation und Integration.

Währenddessen in der Welt…

Im Sudan putscht am 19. Juli Mayor Hashem al-Atta gegen Präsident Jaafar Muhammad al-Nimeiris. Regierungstreue Truppen schlagen den coup vier Tage später nieder; Al-Atta und drei weitere Offiziere werden hingerichtet.

Weitere Verstaatlichungen und eine Wahlschlappe

Mit der Bank of America wird die inzwischen 12. von einstmals 26 in Chile aktiven privaten Banken verstaatlicht. In naher Zukunft sollen ihre Geschäfte fusioniert werden. Am 16. Juli nimmt der chilenische Staat offiziell Besitz von allen Kupfervorkommen. In Valparaiso erfährt das Regierungsbündnis der Unidad Popular zwei Tage später eine Niederlage bei Nachwahl für das Abgeordnetenhaus: es gewinnt der Christdemokrat Oscar Marín.

Währenddessen in der Welt…

Italien und Österreich legen am 17. Juli ihren Streit über die Region Südtirol bei. Das sogenannte „Südtirol-Paket“ half die separatistischen Anschläge Tiroler Nationalisten zu befrieden und garantiert der dort lebenden Bevölkerung seither einen umfassenden Autonomiestatus gegenüber der italienischen Regierung.

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Erdbeben und Erdrutschsieg

Am 8. Juli fordert ein Erdbeben in Zentralchile mehrere Todesopfer und verursacht schwere Schäden. Die Regierung ruft den Notstand aus. Am 11. Juli stimmt der Kongress mit großer Mehrheit der Verstaatlichung der Kupferindustrie zu. Präsident Salvador Allende spricht auf einer Kundgebung in der Stadt Rancagua von einem großen Tag, an dem Chile den Weg zu wirtschaftlicher und damit auch politischer Unabhängigkeit beginnen würde.

Währenddessen in der Welt…

Im andauernden Nordirland-Konflikt stockt Großbritannien am 9. Juli seine in Nordirland stationierten Truppen auf 11.000 Soldaten auf. Am Vortag hatte die British Army bei Protesten zwei Zivilisten erschossen.

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Attentäter beschuldigt DC der Mitwisserschaft

Vom Gefängnis aus, beschuldigt der zu fünf Jahren Haft verurteilte Vordenker des Mords an General Schneider, Roberto Viaux Marambio, die christdemokratische Partei (DC) der Mitwisserschaft: „Die Vorgängerregierung wusste und unterstützte unseren Plan und die Aktion“, schreibt Viaux. Die Regierung kommentiert die Anschuldigungen nicht.

Währenddessen in der Welt…

Am 28. Juni hebt der Oberste Gerichtshof die Verurteilung des Profi-Boxers Muhammad Ali auf, der sich 1966 geweigert hatte, als Soldat Wehrdienst in Vietnam zu leisten. Ali hatte seine Absage an den Krieg u.a. damit begründet, der Vietkong habe ihn nie „Nigger“ genannt.

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Schlacht um die Produktion

Am 24. Juni gibt die Kommunistische Partei Chiles (PC) die Parole aus: „Lasst uns die Schlacht um die Produktion gewinnen!“. Gemeinsam sollen Arbeiter*innen und Bäuer*innen ihre Leistung steigern und die Produktionsmittel vor Sabotage schützen, damit die chilenische Wirtschaft nach Plan läuft. In der gleichen Wochen kommt es zu einer Annäherung der Jugendorganisationen der Unidad Popular und der Christdemokraten.

Währenddessen in der Welt…

Der Internationale Strafgerichtshof erklärt am 21. Juni die südafrikanische Besetzung Namibias für illegal. Das Apartheidsregime gibt ein Jahr später dem internationalen Druck nach, setzt jedoch verdeckte Aktionen gegen den befürchteten Aufbau eines sozialistischen Staates fort.

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Vereint gegen Aufruhr und Terrorismus?

Am 16. Juni organisiert der Gewerkschaftsdachverband CUT eine Kundgebung unter dem Motto „Gegen Aufruhr und Terrorismus“. Präsident Salvador Allende weist während seiner Rede die Kritik der Opposition zurück, mitverantwortlich an der Bluttat zu sein. Alle am Attentat beteiligten Mitglieder der VOP sterben in den nächsten Tagen bei Auseinandersetzungen mit der Polizei. Am 19. Juni verspricht die Christdemokratische Partei (DC) „einen Beitrag zum Ende der Gewalt zu leisten.“ Am gleichen Tag lehnt sie jedoch die Initiative der UP ab, die beiden Kammern des Kongress zu einer Volkskammer zu vereinen.

Währenddessen in der Welt…

US-Präsident Richard M. Nixon ruft am 17. Juni zum War on Drugs, dem Krieg gegen Drogen auf und erklärt Drogenmissbrauch zum „Staatsfeind Nummer 1“. Die prohibitionistischen und repressiven Maßnahmen gegen Herstellung, Handel und Konsum rechtfertigten in den folgenden Jahren eine interventionistische Außenpolitik. Inzwischen gilt die Strategie als gescheitert.

Mord an früherem Innenminister Pérez Zujovic

Am 8. Juni erschießt die bewaffnete linke Gruppierung Vanguardia Organizada del Pueblo (VOP) den früheren Innenminister Edmundo Pérez Zujovic. Die VOP macht ihn verantwortliche für die tödliche Repression von Landbesetzungen im Süden Chiles 1969. Die Tat wird von allen Seiten verurteilt, die Regierung legt gar ein Gesetz vor, politische Morde mit der Todesstrafe zu ahnden. Die Opposition verlangt erfolglos den Rücktritt des amtierenden Innenministers José Tohá, da dieser nicht entschieden genug bewaffnete Gruppen im Land bekämpfe.

Währenddessen in der Welt…

In Australien wir wird am 11. Juni erstmals ein Aborigine ins Parlament berufen. Neville Bonner übernimmt zunächst einen vakanten Sitz im Senat, würde später jedoch vier mal wiedergewählt werden.

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