Víctor Hugo Castro

(Santiago de Chile, 1944 – )

„Um die Welt zu ändern, sie neu zu gestalten, müssen zuvor die Menschen sich selbst umstellen“, lautet ein bekanntes Zitat von Fjodor Dostojewski. Der russische Schriftsteller war in den 1950er Jahren äußerst präsent in Chile – klar, nicht als Person, aber als ständiges Gesprächsthema. In einem kleinen Krämerladen im Armenviertel La Legua, im Herzen Santiagos, stritten zu jener Zeit ein angehender Literaturwissenschaftler und ein Mechaniker fast täglich über Schuld, Sühne und den Sinn des Lebens. Den leidenschaftlichen Debatten der beiden Aushilfskräfte folgte oft auch Víctor, der jüngere Bruder des Studenten. Zuhause las er sich durch dessen Pflichtlektüre von der Uni, beflügelt von der Idee, irgendwann selbst das Land des russischen Romanciers kennenzulernen und selbst Autor zu werden.

Víctor Hugo Castro wird 1944 in Santiago geboren. Als kleiner Junge zieht er mit der Familie nach La Legua, ein Stadtviertel, das in den 1930er Jahren im Zuge urbaner Landbesetzungen entsteht. Seine Eltern versuchen hier mit einem Friseursalon, einer Lederwarenwerkstatt und später mit einem Krämerladen ein Einkommen zu erzielen. Die Castros sind bekannt als Unterstützer revolutionärer Ideen, wie damals viele im Viertel. Die Kommunistische Partei aber auch die Sozialisten haben im Viertel viele Anhänger*innen. Der Alltag ist geprägt vom kollektiven Kampf um bessere Lebensbedingungen: Strom, fließendes Wasser, eine gute Schulausbildung für die Kinder.

Anders als heute sitzen in den öffentlichen Schulen Chiles damals Arztsöhne und Anwaltstöchter neben den Kindern von Tagelöhnern – die Privatisierung des Bildungswesen hat noch nicht stattgefunden. Der jugendliche Víctor nutzt seine Chance am Dario-Salas-Gymnasium und qualifiziert sich mit guten Noten für ein Sprachstudium am Chilenisch-Sowjetischen Institut. Mit 18 Jahren reist er als Stipendiat ins Heimatland der Brüder Karamasow und setzt seine Studien an der Patricio-Lumumba-Universität für Völkerfreundschaft fort. Der internationale Austausch ist prägend, „we are all human beings“ wird für Víctor ein Leitmotiv. Anstelle von Dostojewskis gepflegter Misanthropie, in der Menschen mal als „undankbare Zweibeiner” mal als „Schweine”, die sich an alles gewöhnen können, charakterisiert werden, folgt er zunehmend Nikolai Ostrowskis literarischem Aufruf, für die „Befreiung der Menschheit“ zu kämpfen.

1967 kehrt Víctor nach Chile zurück. Hier begegnet er „der alten Ungleichheit“ wieder, spürt aber auch die Vorzeichen eines gesellschaftlichen Aufbruchs. Er marschiert gegen den Krieg in Vietnam und will nach dem Wahlsieg der Unidad Popular mit anpacken. Noch 1970 hilft er im Norden Chiles Mesquitebäume zu pflanzen, um die schon damals akute Wüstenbildung einzudämmen. Auch als Übersetzer wird Víctor tätig. Inzwischen beherrscht er fließend acht Sprachen und ist ein gefragter Dolmetscher, wann immer Auslandsdelegationen der Regierung Salvador Allendes einen Besuch abstatten und die sozialen Veränderungen aus nächster Nähe sehen wollen. Víctor sieht sich nicht als Intellektuellen, sondern macht sich nützlich, wo er kann. Nebenher schreibt er, vor allem Gedichte. Auf einem Treffen der sozialistischen Partei lernt er den Dramatiker und Folk-Sänger Víctor Jara kennen. Zusammen arbeiten sie an einem Text, der später als Hymne des kommunistischen Künstler*innenkollektivs Brigada Ramona Parra bekannt wird.

1973 reist Víctor zu einem Kongress nach Bulgarien und wird dort von der Nachricht überrascht, in Chile habe ein Militärputsch stattgefunden. Von Moskau und Prag aus beteiligt er sich am „Widerstand von Außen“. Gemeinsam mit dem Literaten und überzeugten Kommunisten Volodia Teitelboim baut er Radio Moskau aus, „das einzige Medium“, wie er rückblickend sagt, “das wahrheitsgemäß über die Geschehnisse in Chile berichtete.“ Später arbeitet er in der Zeitschrift Revista Internacional mit. Das unfreiwillige Exil schmerzt und so geht er noch während der militärisch-zivilen Diktatur zurück nach Santiago, besser gesagt nach La Legua.

Sein politisches und literarisches Engagement rufen schnell die Repression auf den Plan. Dabei sucht Víctor nicht die offene Konfrontation mit dem Regime. Aber subversive Schreib-Workshop – in Zusammenarbeit mit der Autorin und Feministin Mónica Echeverría –, die Herausgabe rebellischer Lyrik und die soziale Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im von ihm 1985 gegründeten Kulturzentrum José Manuel Parada, bringen ihm Hausdurchsuchungen und Haftstrafen ein. Bis heute verbittert ist er über den Besuch von Pabst Johannes Paul II., der 1987, in den düstersten Jahren der Diktatur die Militärjunta um Augusto Pinochet hofiert, anstatt die massiven Menschenrechtsverletzungen des brutalen Regimes zu ächten.

Damals habe er fast den Verstand verloren, sagt Víctor heute. Das Schreiben habe geholfen. Mut machen ihm heute die aktuellen Proteste. Vielleicht gelingt es den Menschen ja diesmal sich könne, „sich selbst umzustellen.“

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