Mónica Echverría

(Santiago, 1920 – Santiago, 2020)

Mónica Echeverría konnte in ihren letzten Lebensmonaten nicht mehr sprechen. Ihrer Familie und Freund*innen teilte sie sich deshalb schreibend, auf Zetteln mit. Auch auf öffentlichen Demonstrationen war sie bis kurz vor ihrem Tod präsent, im Rollstuhl. Es gibt ein Foto von ihr, auf den Knien ausgerollt hält sie ein Transparent mit unmissverständlicher Botschaft: “¡Basta!”

Zur Welt kommt Mónica 1920 als Kind einer Aristokratenfamilie. Ihr Großvater, Eliodoro Yanez, erlangt in den 1920er Jahren als fortschrittlicher Senatspräsident Bekanntheit, Ende der 1930er wird er jedoch ins europäische Exil gezwungen. Seine Kinder und Enkel kennen die Alte Welt bereits. Doch während Mónicas jüngerer Bruder hier für eine standesgemäße Karriere ausgebildet wird, soll sie vor allem genügend Kultur und Abendgarderobe für ihren „gesellschaftlichen Einstand“ in Chile sammeln. Für sie ein ziemlicher Albtraum aber einen Plan B gibt es nicht. In Europa rüstet Nazideutschland bereits zum Angriff auf Frankreich.

Mónica studiert nach ihrer Rückkehr nach Santiago Literatur und tritt einer experimentellen Theatergruppe bei. “Ich war Studentin und ein reiches Mädchen,“ spottet sie in einem autobiografischen Text. Mit der Heirat des Architekten Fernando Castillo Velasco 1944 kommt sie vor allem dem Wunsch der Eltern nach, nicht als „ewige Single“ zu enden. Dabei ist sie gerade 24 und ihr Herz schlägt eigentlich für die „Pro-Emanzipationsbewegung chilenischer Frauen“ (MEMCH), die beharrlich für Gleichberechtigung und ein allgemeines Frauenwahlrecht kämpft. Schnell wird der Eheschwur zum Beziehungskiller. „Fernando und ich unterwarfen uns den Konventionen unserer sozialen Klasse, die uns erdrückten.“ 1950 reicht es Mónica. Sie stellt Fernando und ihre drei gemeinsamen Kinder vor vollendete Tatsachen und fährt als Stipendiatin für ein Jahr nach Spanien.

Ihre Rolle als Ehefrau und Mutter interpretiert sie nach ihrer Rückkehr selbstbestimmter. Mit der Karriere Fernandos, der im Zuge der chilenischen Studierendenrevolte 1967 Rektor der Katholischen Universität wird, kann sie nicht mithalten. Aber sie genießt die Freiheiten in der zweiten Reihe, arbeitet als Lehrerin in verschiedenen Gymnasien, tritt als Schauspielerin auf, gründet das Theater Ictus und beginnt erste Stücke zu schreiben. 1968 besucht sie Kuba. „Die Kubanische Revolution hat Chile und Lateinamerika sehr geprägt“, kommentiert Mónica diese Erfahrung 2017 im Interview. „Auch in diesen Ländern schien ein Triumph der Linken nun möglich.“

Zwei Jahre später gewinnt Salvador Allende als Kandidat des linken Regierungsbündnis Unidad Popular (UP) die chilenischen Präsidentschaftswahlen. Dabei war Allende anfangs gar nicht ihr Kandidat sondern ein christdemokratischer Reformer. Doch schnell lässt Mónica sich von der aufblühenden Kulturszene anstecken. 1970 spielt sie unter Regie von Raul Ruiz in dem Film, Colonia Penal mit, einer Adaption von Franz Kafkas Kurzgeschichte „In der Strafkolonie“. Sie hat Erfolg als Dramaturgin für Kinder- und Jugendtheater und arbeitet ab 1972 als künstlerische Beraterin für einen Fernsehkanal. Ihr erstes Projekt nennt sich „Die Dritte Welt reicht sich die Hand,“ und will künstlerischen Querverbindungen im globalen Süden auf die Spur kommen. Als einziger Gast aus Afrika kommt ausgerechnet der Präsident Madagaskars, Philibert Tsiranana, ein ausgemachter Antikommunist aber mit viel Sinn für Jazz und Bildhauerei. „Leider musste er ziemlich überstürzt wieder abreisen, denn während seines Aufenthalts in Chile wurde er gestürzt.“

Zu Ende der Regierungszeit Allendes wird der Alltag rauer. Der chilenische Wegs zum Sozialismus hat Feinde in und außerhalb des Landes. Es kommt zu Versorgungsengpässen und Anschlägen der militanten Rechten. Mónica geht zum kulturellen Gegenangriff über und ruft eine „Woche des Humors“ aus. Unter den künstlerischen Installation sorgt vor allem ihr Nachbau einer öffentlichen Toilette – samt Klosprüchen – für eine misogyne Polemik. Frustriert zieht sich Mónica in die Theaterwelt zurück.

Im Winter 1973 kommt es zu einer folgenschweren Begegung. „Es war irgendwann kurz vor dem Putsch, als ich im französischen Kulturinstitut einen Vortrag des brasilianischen Theatertheoretikers Augusto Boal hörte,“ erinnert sich Mónica. „Er stellte uns sein Unsichtbares Theaters vor, eine Methode, dramaturgisch ins Alltagsgeschehen einzugreifen, bei der sich die Akteure nicht zu erkennen geben. Ich sagte ihm nach dem Vortrag: ‚Fantastisch, ich werde dich kopieren‘ und Boal sagte: ‚Nur zu, besonders nützlich ist dieser Ansatz in Diktaturen.‘“

Nach dem gewaltsamen Sturz der Regierung Allende am 11. September 1973 schlägt Echeverrías Familie der ganze Hass ihrer früheren Klasse entgegen. Unbekannt terrorisieren ihr Heim, werfen die Scheiben ein, ihre Kinder müssen die Schule wechseln. Die herrschende Militärjunta verbrennt alle Bücher im Haus und versucht in stundenlangen Verhören den Aufenthaltsort ihrer beiden ältesten Kinder zu erfahren, Aktivist*innen der Bewegung der Revolutionären Linken (MIR) und zu diesem Zeitpunkt bereits im Untergrund. Noch ein knappes Jahr lang nutzt Echeverría den relativen Schutz ihrer privilegierten Herkunft und hilft politisch Verfolgten bei der Flucht ins Ausland. Dutzende Personen fährt sie, versteckt im Rückraum ihres Autos in ausländische Botschaften, die politisches Asyl in Aussicht stellen. Schließlich beugen sie und Fernando sich dem Druck und gehen ins Exil nach London. Von dort aus kämpft sie für die Freilassung ihrer kurz darauf inhaftierten Tochter. Später wird sie ein Buch über deren Folterer Miguel Krassnoff schreiben.

Neben der Klaviatur der öffentlichen Anklage, beteiligt sich Echeverría nach ihrer Rückkehr nach Chile Ende der 1970er Jahre auch an subversiven kulturellen Interventionen. Mit der Gruppe „Mujeres por la vida“, also „Frauen für das Leben“ zettelt sie Tumulte an und macht die Militärdiktatur lächerlich – so etwa, als sie 1980 ein Schwein mit Offiziersmütze im Zentrum Santiagos aussetzt, auf dessen Rücken zu lesen ist „Stimmt für mich.“ In den 1990er Jahren bleibt Echeverría eine wache Kritikerin der unvollendeten Redemokratisierung Chiles, der männerdominierten Politik und der neoliberalen Wirtschaftsordnung. Mit vielen populären Parteigängern der Unidad Popular, u.a. Fernando Flores, Oscar Garretón und Max Marambio, die sich in den ersten Legislaturperioden nach der Diktatur als wirtschaftliche Berater und Politiker auf obszöne Weise bereichern, rechnet sie 2016 in ihrem Buch „¡Haganme Callar!“ ab. Diese „unverschämten Scheißtypen,“ schreibt sie unverblümt, „wie konnten sie, intelligent und gebildet wie sie sind, sich so einer perversen Mission verschreiben?“

Am 5. Januar gibt Echeverría einen letzten politischen Kommentar ab. Bei ihrer Aufbahrung in der Pfarrkirche der Katholischen Universität trägt sie eine rote Augenklappe – in Solidarität mit all jenen Demonstrierenden, die während der sozialen Proteste seit September 2019 bei brutalen Polizeieinsätzen ihr Augenlicht verloren haben.

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